Ausiàs
March
(València, 1400
- 1459)
WIE
JEMAND, DER IM TRAUM ERQUICKUNG FINDET...
WELCH
ACH SO SICHREN RAT HOFFST DU ZU FINDEN...
DAS
VOLK MAG AUSGELASSEN FESTE FEIERN...
WIE JEMAND, DER IM TRAUM
ERQUICKUNG FINDET...
Wie jemand, der im Traum
Erquickung findet
und dessen Glück aus
Wahngespinsten stammt,
so geht es mir, denn meinen
Geist beherrscht
nichts andres als Vergangenheit
allein;
ich spür, es lauert
schon auf mich mein Schmerz;
in dessen Hand ich schließlich
fallen muß.
Die Zukunft kann nichts
Gutes mir verheißen;
jenes Vergang'ne ist mein
höchstes Gut.
So bin dem Heute ich nicht
zugetan,
sondern dem Gestern, das,
vergangen, nichts ist;
in dem Gedanken find ich
Lust und Tröstung,
doch flieht er mich, verstärkt
sich gleich mein Schmerz.
Wie jener, den zum Tode
man verurteilt,
doch weiß er's lang
schon und schöpft neuen Mut,
und den man so auf Gnade
hoffen läßt
und ihn dann plötzlich
tötet, ohne Warnung.
Ach! Wollte Gott, mein Denken
wär erstorben
und daß mein Leben
schlafend ich verbrächt!
Erbärmlich lebt, wer
seinen eignen Geist
zum Feind hat, der von
Übeln nur ihm kündet;
und sucht er ihn auf Freud'geres
zu lenken,
so geht's ihm wie der Mutter
mit dem Kind,
die, wenn um Gift es weinend
sie bedrängt,
genug Vernunft nicht findet,
ihm's zu wehren.
Es wäre besser, ich
ertrüg' mein Leid,
als daß ich etwas
Glück hinein noch mengte,
in jene Pein, die den Verstand
mir raubt,
wenn ich vergangne Freuden
lassen muß.
Oh weh! Mein Glück
verwandelt sich in Leid,
mit doppelt großer
Wut, nach kurzer Rast;
wie bei dem Kranken, der
um eines Bissens
Genuß in Schmerzen
daraufhin sich nährt.
Dem Eremiten gleich, der
sich nicht sehnt
nach Freunden, die er in
der Welt einst hatte,
und dem, nach langer Zeit
fernab der Menschen,
der Zufall ihrer einen
wieder zeigt,
der alte Freuden in ihm
neu erweckt
und die vergangne Zeit
erneut beschwört;
wieder allein, muß
Kummer ihn befallen:
Glück ruft im Fliehn
stets lautstark Leid herbei.
Hochweise Frau, wenn Liebe
lange währt,
ist Trennung wohl der Wurm,
der an ihr nagt,
falls Festigkeit nicht
eisern widersteht
und wenig auf der Neider
Reden gibt.
Translated
by Hans-Ingo Radatz
Ausiàs
MARCH, Gedichte, Domuns
Editoria Europaea (Axel Schönberger Verlag), Frankfurt am Main, 1993.
WELCH ACH SO SICHREN RAT HOFFST DU ZU FINDEN...
Welch ach so sichren Rat hoffst du zu finden,
glückloses Herz, vom Leben angewidert,
Freund nur des Weinens, und dem Lachen Feind?
Wie willst die künftgen Leiden du ertragen?
Drum mach dich auf zum Tod, der dein schon harrt.
Zu neuem Leid nur mehrst du deine Tage:
die freud'ge letzte Rast rückt umso ferner,
je mehr des Todes Labung du entfliehst.
Mit offnen Armen tritt er auf die Straße,
tränenden Augs, im Überschwang des
Glücks:
holden Gesang hör ich von seiner Stimme,
die ausruft: «Freund, verlaß das
fremde Haus.
Freudig will meine Gnad ich dir erweisen,
die keines Menschen Sohn bislang empfing,
denn die mich rufen pfleg ich sonst zu meiden
und wähle den, der meine Strenge flieht».
In Tränen und mit schreckensbleichem Antlitz,
die Haare raufend und mit viel Geheul
will mir das Leben seine Gaben lassen,
zum Herrn mich machen über seine Güter,
und schreit mit graus'ger, schmerzverzerrter
Stimme -
wie sonst der Tod die Menschen zu sich ruft
(denn, ist der Mensch auf Leiden eingestellt,
ist ihm des Todes Stimme süßer Wohlklang).
Es macht mich staunen, wie so voller Hochmut
das Trachten eines jeden ist, der liebt;
auch ohne mich nach Liebe zu befragen
sehn sie in mir, was deren Macht vermag.
Und fluchend werden Eide sie beschwören,
daß sie der Liebe niemals so verfallen;
und schildr' ich ihnen ihrer Wonnen Trug,
bereu'n sie seufzend die vertane Zeit.
Ich kenn nicht Mann noch Frau, die, so wie ich,
ob ihrer Liebesqualen man beklagte;
ich bin's, um den man wahrlich klagen sollte,
denn schon entflieht aus meinem Herz das Blut.
Das unsägliche Leid, das es befallen
vertrocknet täglich mir des Lebens Saft,
kühn wendet sich die Trauer gegen mich;
mir beizustehn, erhebt sich keine Hand.
Oh Lilie unter Disteln, ich fühl nah
die Stunde, da mein weltlich Leben endet;
die letzten Hoffnungen sind mir zerstoben -
die Seele bleibt verbannt in diese Welt.
Translated
by Hans-Ingo Radatz
Ausiàs
MARCH, Gedichte, Domuns
Editoria Europaea (Axel Schönberger Verlag), Frankfurt am Main, 1993.

DAS VOLK MAG AUSGELASSEN FESTE FEIERN...
Das Volk mag ausgelassen Feste feiern
zu Gottes Lob, vermischt mit frohem Spiel,
auf Plätzen, Straßen und in schatt'gen
Parks
dem Vortrag großer Heldentaten lauschen;
ich aber geh, die Gräber aufzusuchen,
zum Zwiegespräch mit den verdammten Seelen,
und Antwort wird mir, denn nur ich allein
begleite sie in ihrer steten Klage.
Ein jeder sucht die Nähe seines Gleichen;
drum ist mir fremd der Lebenden Gebrauch.
Sie scheuen sich, mein Leid sich auszumalen;
es packt sie Graun vor mir, als wär ich
tot.
Der König Zyperns, Geisel eines Heiden,
ist, im Vergleich zu mir, nicht zu beklagen,
denn was ich sehne, wird nie Stillung finden,
von meiner Qual heilt mich kein Arzt der Welt.
Es frißt ein Geier des Tityos Leber,
und ewig sprießt das Fleisch erneut ihm
nach,
doch hört der Vogel niemals auf zu fressen;
mich aber bannt ein stärk'rer Schmerz als
jener:
ein Wurm zernagt mir den Verstand, ein andrer
das Herz, sie fressen ohne Unterlaß,
ihr Nagen ist durch nichts zu unterbrechen,
es wäre denn durch das, was mir verwehrt.
Selbst wenn der Tod mir dieses Leid ersparte
- den Anblick der Geliebten mir zu nehmen -,
so dank ich ihm doch nicht, daß er den
Leib
mit Erde mir noch nicht bedeckt, der nichts
glaubt zu verliern, als nur der Träume Schein,
solang mein Sehnen ich nicht stillen kann;
und wenn ich meine Tage einst beschließe,
wird wahres Lieben mit mir untergehn.
Und wenn mich Gott im Himmel dann empfängt,
bedarf's zu meinem Glück noch, außer
Ihm,
daß man mir dort von Euch die Kunde bringe,
daß Tränen Ihr vergoßt ob diesen
Tods,
aus Reue, daß durch Eure geiz'ge Huld
ein Märtyrer aus Liebe zu Euch starb:
jener, der Leib und Seele willig trennte,
wüßt' er nur, daß Ihr trauertet
um ihn.
Oh Lilie unter Disteln, Ihr wißt wohl,
daß man aus wahrer Liebe sterben kann;
von mir zu glauben, daß ich derart leide,
ist kaum zuviel verlangt von Euch.
Translated
by Hans-Ingo Radatz
Ausiàs
MARCH, Gedichte, Domuns
Editoria Europaea (Axel Schönberger Verlag), Frankfurt am Main, 1993.

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